Erinnerungen

Ich habe das große Glück, meine Großeltern – alle vier – in meinem Leben zu haben. Im April diesen Jahres ist meine Oma verstorben und das hat einiges in mir aufgewühlt. Zum einen war es traurig, dass auf einmal jemand weg war, der mich dreißig Jahre meines Lebens begleitet hat. Zum anderen kam mir immer wieder ein Gespräch mit meinem Opa in den Kopf, das ich vor vielen Jahren geführt habe. Wir haben uns über die Philosophie und bekannte Philosophen unterhalten. Im Laufe des Gesprächs sagte er, dass es schön sei, über diese bekannten Menschen zu sprechen und dass man ihn hingegen irgendwann vergessen würde. Das hat mich sehr traurig gemacht, denn im Grunde ist es wahr. Wir mögen uns zwar an unsere Großeltern erinnern und vielleicht auch unseren Kindern von ihnen erzählen, aber irgendwann ist da niemand mehr, der das tut.

Ich bin in einer Familie groß geworden, in der viel über die Alten gesprochen wird und das hat mich und mein Leben sehr geprägt. Ich möchte nicht, dass meine Großeltern in Vergessenheit geraten, also habe ich beschlossen, euch von ihnen zu erzählen. Beginnen möchte ich mit meiner verstorbenen Oma, Christel Klappert.

Oma Christel ist die Mutter meines Vaters und war immer schon ein wenig moderner, als manch andere Frau ihrer Generation. Sie hat gerne gearbeitet, ging auf Partys und wollte sich nie alt fühlen. Kurz bevor sie ins Krankenhaus kam, wo sie letztendlich auch gestorben ist, hat sie sich noch einmal die Nägel schön machen lassen – eine ihrer größten Leidenschaften.

Wenn ich mich an meine Kindheit bei meinen Großeltern in Wuppertal zurück erinnere, dann muss ich unweigerlich daran denken, wie sie mir immer eine Dose mit Gebäck – die typischen gezuckerten Kekse, die es oft im Cafés gibt – neben meine Matratze gestellt hat. Damit sollte ich mich morgens beschäftigen, damit sie noch ein wenig länger schlafen konnte und ich keinen Hunger haben musste. Ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass ich immer versucht habe extra früh wach zu werden, damit ich möglichst viele Kekse essen konnte. Dummerweise lag meine Matratze neben ihrem Bett, so dass sie es doch recht schnell mitbekam.

Die Sachen, die Oma Christel kochte, mochte ich grade als Kind selten, dafür konnte sie um so besser backen – ihre Kuchen und Nachspeisen waren immer etwas besonderes, so dass wir uns immer auf den Nachtisch freuten. Um ihn zu bekommen mussten wir allerdings den Teller leer essen, was grade bei Möhrengemüse eine Qual war. Ich durfte stundenlang mit ihren alten Kleidern spielen. Dazu lief ABBA. Der Spitzboden war mein eigenes kleines Paradies, mit einem Puppenhaus, einem Plattenspieler und vielen Schätzen, die ich in den Schränken entdeckte.

Als sich meine Eltern trennten, verschlechterte sich das Verhältnis zu meiner Oma. Wir waren nicht oft einer Meinung und haben uns auch mehr als einmal gestritten. Trotz dem gab es viele schöne Momente. Sie nahm mich mit in die Sauna und wenn ich einen Faltenrock wollte (ich war ein riesen Sailor Moon Fan), dann zog sie sofort mit mir los, um mir einen zu kaufen (meine Mama wollte das nicht). Viele meiner Besuche verbrachte ich fast ausschließlich im Partykeller. Dort lag ich auf einer gepolsterten Bank, las und konnte so laut Musik hören, wie ich wollte. Meine Oma kam mindestens einmal die Stunde herein um zu schauen, ob es mir noch gut ging. Oma Christel hatte immer ihren eigenen Kopf. Egal wie oft ich mir von ihr ein Taschenbuch wünschte, ich bekam immer die gebundene Ausgabe. Zu meinem 18. Geburtstag schenkte sie mir einen Opernführer – ganz ehrlich, ich weiß bis heute nicht, was ich damit anfangen soll, aber für sie war es das perfekte Geschenk.

Aber sie konnte auch anders: Wir wohnen in einem Altbau und brauchten im ersten Winter dringend Vorhänge fürs Schlafzimmer. Da es bei knapp vier Meter Deckenhöhe echt schwer ist, was gescheites zu finden, fragte ich sie, ob ich mir mit ihrer Nähmaschine selber welche nähen dürfte. Zu Weihnachten bekam ich eine eigene Nähmaschine, Garne und ihr altes Buch mit diversen Nähanleitungen. Zu ihrem Geburtstag trug ich dann meinen ersten, selbstgenähten Rock (wenn ich ganz ehrlich bin: Er war weder besonders gut genäht noch besonders cool). Ich glaube ich habe sie vorher selten so stolz erlebt.

Im Gegensatz zu meiner anderen Oma, erzählte Oma Christel nur selten von früher. Vor allem, nachdem ihr jüngerer Bruder verstarb. Wie viele Kinder wuchs sie ohne ihren Vater auf, der aus dem zweiten Weltkrieg nicht mehr nach Hause kam. Meine Oma hatte es gesundheitlich nicht leicht. Es begann mit Brustkrebs – der leider immer wieder kam. Nachdem es ihr zum ersten mal wieder deutlich besser ging, hatte sie einen schweren Autounfall. Ein LKW Fahrer verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug und quetschte sie ein. Dass meine Oma den Unfall überlebte, grenzte an ein Wunder. Damals war ich mir sicher, dass sie wahrscheinlich alles überleben würde, denn sie klammerte sich mit einem eisernen Willen am Leben fest. Ihr Körper hat das jedoch nicht so gut verkraftet. Ohne Morphium litt sie an starken Schmerzen, der Rücken blieb verkrümmt. Dann kam der Krebs wieder – und wieder überlebte sie. Es folgten zwei Lungenembolien und eine weitere Runde Krebs. Dieses Mal schlimmer. Er war gestreut und hatte Knochen und Speiseröhre befallen. Die Chancen zu überleben waren minimal, dennoch ließ sie sich bestrahlen.

Ihren Geburtstag im Januar wollte sie mit uns allen noch einmal feiern. Auch wenn man ihr ansah, dass es ihr nicht gut ging, versuchte sie sich tapfer zu halten und war böse, als wir nach ein paar Stunden gegangen sind. Für sie war es immer schön, wenn sie die ganze Familie zusammen hatte – am liebsten für einen ganzen Tag. Selbst den Geburtstag von meinem Opa ende März feierte sie noch. Da hatte sie die Bestrahlung schon hinter sich und konnte kaum mehr schlucken. Obwohl sie elendig aussah, hatte sie sich extra hübsch gemacht. Es war das erste Mal, dass sie uns nach zwei Stunden wieder nach Hause schickte. Da war mir zum ersten mal bewusst, dass sie wahrscheinlich sterben würde. Da ich mich in den letzten Jahren ausführlich mit dem Tod und dem Sterben auseinander gesetzt habe, hat es mich erstaunt, wie sehr mich diese Tatsache mitgenommen hat. Ich wusste, dass sie alt und krank ist, aber dennoch hatte es etwas sehr unwirkliches und tief trauriges. Nach dem Geburtstag meines Opas war sie fast dauerhaft im Krankenhaus. Ich habe sie noch ein paar mal besucht und jedes Mal, war ein bisschen weniger von ihr da. Sie kämpfte und träumte von einer letzten Kreuzfahrt und einem Sommer in ihrem Garten.

Das letzte Mal besuchten wir sie in der Woche bevor sie verstarb. Man merkte, dass sie dabei war, los zu lassen. Sie war völlig ausgemergelt schaffte es aber dennoch, zu scherzen, sich Sorgen um meinen Opa zu machen und sich über die suboptimalen Zustände im Krankenhaus zu beschweren (in der Etage über ihr wurde sehr lautstark gebaut und das Dach war undicht). Erst als gar nichts mehr ging, ließ sie sich auf die Palliativstation verlegen.

So traurig mich ihr Tod immer noch macht, ich weiß, dass sie ihr Leben voll ausgekostet hat. Sicher, sie wollte oftmals mehr, als sie hatte, aber dennoch hat sie so viel erlebt und gesehen wie wenige Frauen ihrer Generation. Sie hat lange und gerne gearbeitet, hatte einen großen Freundeskreis und reiste viel. Wir haben viel zusammen erlebt und sind auch immer wieder aneinander geraten, aber das ist egal. Was am Ende bleibt, sind die Kekse neben dem Bett.

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