Perfektion?

Wir leben in einer Welt die uns immer wieder zeigt, dass das Ideal die Perfektion ist. Damit meine ich nicht nur Models, die dank Photoshop keine einzige Pore im Gesicht haben. Das ist abstoßend, keine Frage, aber für mich ist es nur ein winziger Teilpunkt auf der großen Leiter der kleinen, perfekten Welt. Dazu kommen Serien und Filme, in denen Teeniemädchen perfekt gestylt zur Schule stöckeln, Frauen beim Aufstehen fantastisch aussehen und Wohnungen haben, die aus einem Designkatalog zu stammen scheinen. Aber auch das finde ich nicht all zu tragisch. Wer das sieht und nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann (zumindest ab einem gewissen Alter), der hat leider viel vom Leben verpasst.

 

Was ich viel schlimmer finde, ist das was uns im Internet gezeigt wird. Den Anfang bilden dabei ganz klar die sozialen Netzwerke. Dort hat man die Möglichkeit Fragmente aus seinem Leben zu teilen. Wenn man nicht zu der Sorte Mensch gehört, die am liebsten sudert, dann sind es zumeist Dinge, die auf perfekte Momente hindeuten. Wundervolle Begegnungen, tolle Treffen zum Kaffee, herrliche Sonnenuntergänge… Das ist völlig legitim und irgendwo auch schön, denn es zeigt, dass nicht überall auf der Welt nur schlimmes passiert. Ich nehme mich an der Stelle auch ganz explizit nicht aus. Aber ganz ehrlich? Das ist doch weit vom Leben und der Realität entfernt. Was ist so verkehrt an der Realität? Warum teilt man Fotos von seinem perfekt geschichteten Müsli in einem hübschen, kleinen Einmachglas, aber nicht die Schüssel Müsli, in der die Zutaten vermengt (und eher pampig) sind? Sicher, das eine ist äußerst hübsch, das andere findet sich wahrscheinlich dennoch häufiger auf unseren Tischen wieder.

 

Ich habe keine Ahnung wo oder wann das angefangen hat, es wird mir jedoch immer bewusster. Ich lese zum Beispiel furchtbar gerne Blogs zu Handarbeitsthemen oder zum Essen. Genau so gerne schaue ich mir Videos auf Youtube dazu an. Was ich dort sehe gerät immer mehr zum Einheitsbrei. Nicht weil es keine neuen (und echt coolen) Ideen mehr gibt. Nein, es sind die Leute, die das ganze präsentieren. Es ist die Art wie es präsentiert wird. Beim Essen geht es nicht mehr nur um innovative Gerichte oder Rezeptideen, sondern (so scheint es) um das perfekte Anrichten und Fotografieren des Essens. Sicher, das ist hübsch, aber mir ist es ehrlich gesagt egal, ob ein Muffen auf der perfekten Anrichte, mit einer hübschen Tischdecke, vor tollen Bildern (oder einer „Schöner Wohnen Wand“) und kunstvoll verstreuten Blümchen steht, oder ob es ein schlichter Teller ist. Dazu perfekt gestylte Frauen (oder Mäuschen), die aussehen als kämen sie direkt von einem Schooting für ein Modemagazin. Sind es Videos sitzen die Damen gerne in perfekt durchgestylten Zimmern. Ich stelle mir inzwischen gerne vor, dass neben ihnen (gut versteckt vor der Kamera) das blanke Chaos herrscht.

 

Geht es nur mir so, oder vermittelt das völlig unrealistische Vorstellungen? Sicher, jeder sollte gewechselt bekommen was Realität und was Show ist. Manchmal wären es mir trotzdem lieber, Präsentation und Realität lägen näher beieinander. Klar kann man auch sagen: ´Ach Cathy, die Realität, die will doch keiner sehen, damit haben wir den ganzen Tag zu kämpfen`. Das verstehe ich. Wie gesagt, ich freue mich ja auch über schöne Präsentationen. Allerdings habe ich in letzter Zeit das Gefühl, dass das Streben nach Perfektion zugenommen hat – in hohem Maße. Dabei ist das Leben nicht perfekt, zumindest nicht auf Instagram-Weise. Es gibt viele perfekte Momente oder Tage. Es gibt perfekte Gespräche oder Begegnungen aber dazwischen liegt auch viel Leben in ungeschminkter Form. Dieses Streben nach Perfektion ist mir auf Dauer zu anstrengend. Mir fehlt dabei die Luft zum Atmen. Ich bin nicht perfekt und ich will es auch nicht sein. Es gibt Tage an denen sitze ich heulend zu Hause (ja, ich bin mehr so ein emotionaler Typ) und bin gefrustet, wütend und oder traurig, aber so ist das nun mal im Leben. Ich möchte meine Energie nicht darein stecken, perfekt zu dein, mein Leben perfekt zu gestalten (inklusive mir, meiner Wohnung, meinem Essen, meiner Freundschaften etc). Ich möchte die perfekten Momente genießen und nicht gleichzeitig Angst davor haben, dass es irgendwann nicht mehr so ist. Dafür mag ich mein Leben (mit allen Macken) viel zu gerne.

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3 Kommentare zu “Perfektion?

  1. Ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, ich habe mittlerweile auch nur noch das Gefühl jeder in der Welt müsste perfekt sein und nur die absolute Perfektion ist das einzig Wahre. Diese Denkweise ist absolut furchtbar und macht auf Dauer krank und unglücklich. Es ist doch nicht Sinn und Zweck in der Welt das wir perfekte Maschinen sind. Wir sind Menschen. Und Menschen haben nun mal Macken, aber genau diese machen sie besonders und liebenswert 🙂 Ich stimme dir in deinem Gesagten sowas von zu Cathy. Aber es ist so verdammt schwer gegen diesen „Trend“ der Gesellschaft zu laufen und zu sagen: Ich bin nicht perfekt und das ist auch gut so.

  2. Das ist nicht erst heutzutage so. Ich habe noch ein Buch über die perfekte Hausfrau, ca. 1958, und auch Heftchen außer den 50er und 60er Jahre von “ Das Beste aus Reader’s Digest“, aus denen klar ersichtlich ist, dass auch damals die absolute Perfektion angestrebt wurde. Fast keimfreie Hausfrauen sind angehalten, allzeit sich, die Wohnung, das Essen und auch die Kinder sauber und schön präsentieren zu können. Auch damalige Kochsendungen, deren Moderatoren und das Equiment, strotzten vor Perfektionismus.
    Sicherlich ist das alles noch „perfekter“ geworden, allein durch die Möglichkeit der Digitalisierung, aber der Anspruch ist schon früher gewesen.
    Ich wünschte mir manchmal, bei mir zuhause wäre ein bisschen Vorführküche und Möbelkatalog, aber ich bin wie Du nur ein Mensch, zuhause lebe ich, kann ich mich gehen lassen und meine Emotionen ausleben, trotzdem habe ich so viele Freunde, die gerne mit um den großen Tisch sitzen und mit mir essen und trinken.
    Also, was juckt es mich, was Medien mir versuchen weiszumachen, wie es sein soll, wenn ich mir selbst sicher bin, dass mein Weg der richtige ist.

  3. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 26 in 2014 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2014

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