Das Leben durch den Sucher

Es gibt Phänomene, die verstehe ich nicht. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich das auch nicht. In den letzten Jahren ist mir immer häufiger aufgefallen, dass Menschen dazu neigen, alles was sie erleben auf Videos und Fotos festhalten. Grundsätzlich ja etwas schönes. Ich schaue mir auch gerne Fotos aus dem Urlaub an, oder Fotos von Dingen, die mir so über den Weg laufen. Das meine ich auch nicht, sondern Leute, die auf Konzerten ihre Handys in die Höhe halten und wacklige Videos mit mieser Soundqualität machen. Die in Veranstaltungen reinblitzen und so pixelige, unscharfe Erinnerungen kreieren. Mal eine kleine Frage am Rande: Schaut ihr euch die Fotos noch mal an? Oder die Videos? Seid ihr bei einem Konzert eigentlich in der Lage alles mit Aufmerksamkeit zu genießen oder seid ihr so damit beschäftigt „gute“ Bilder und Videos zu fabrizieren?

 

In dieser Woche war in Wuppertal der Lichterweg am Osetrsbaum. Da stellen Leute, die dort wohnen oder arbeiten überall bunte Kerzen auf, beleuchten die Treppen und Höfe auf äußerst charmante Weise. Überall wuseln Menschen rum, die mehr oder minder semiprofessionell mit Kameras und Stativen bewaffnet das perfekte Bild jagen. Anschließend gab es ein Feuerwerk. Ich liebe Feuerwerke. Ich mag die unzähligen Lichtpunkte am Himmel in all den tollen Farben. Ich mag die Stimmung, die durch sie entsteht. Und dann stehst du da und um dich rum, Menschen mit Stativen, Menschen mit digitalen Spiegelreflexkameras um den Hals, die alle durch den Sucher starren. Das monotone Klicken vermischt sich mit dem Geräusch der Explosionen der Feuerwerkskörper. Sie alle jagen noch immer das perfekte Bild – übrigens sportlich, denn ein wirklich gutes Bild bei einem Feuerwerk zu schießen ist gar nicht so leicht.

 

Dazu Menschen, die ihre Handys in die Luft halten und filmen. Mein Favorit: Der Herr, der sein I-Pad in die Luft hielt und das Feuerwerk über den Bildschirm des Tablets schaute. Keiner von ihnen hat das Feuerwerk wirklich gesehen. Es macht einen Unterschied, ob man sich ein Feuerwerk anschaut, es auf sich wirken lässt, oder ob man durch einen Sucher oder einen Monitor schaut. Auch hier möchte ich anzweifeln, dass sich noch einmal jemand das dabei entstandene Material anschaut. Von den gefühlt 1000 Fotos ist vielleicht eine Handvoll nicht verwackelt und halbwegs anschaulich. Das Beste von ihnen landet dann auf Instagram mit einem „Das Feuerwerk war ja soooooo schön!“. Die wackeligen Videos landen dann auf irgendeiner Festplatte – oder Youtube. Aber schaut sich das wirklich jemand an?

 

Damit meine ich nicht die Menschen aus den „Medien“, die Videos für ihre Zuschauer drehen oder Fotos für die Leser machen. Das ist ok und gehört zur Berichterstattung dazu. Bei ihnen habe ich ja auch die Hoffnung, dass das entstandene Material eine gewisse Qualität hat.

 

Was mich bei diesem Feuerwerk nachhaltig beeindruckt hat, war nicht das Spektakel als solches. Es war ein kleiner Junge, der vor uns stand (mit seinem Vater, der das Feuerwerk durch den Sucher seiner Kamera geschaut hat). Er hatte eine so einzigartig unverfälschte Freude an den Raketen, dass es stellenweise faszinierender war ihm zuzuschauen als in den Himmel. Von den Menschen um uns herum schien das keiner zu bemerken. Das finde ich traurig. Sind wir so auf der Suche nach den perfekten Erinnerungen, dass wir unaufmerksam werden? Können wir uns an schöne Momente nur erinnern, wenn wir sie auf Speicherkarten sperren? Können wir nicht mehr einfach nur genießen? Den Moment. Muss wirklich alles was wir tun auf die Zukunft gerichtet sein? Was wenn unsere Speicherkarten versagen? Dann haben wir keine Bilder die wir uns in fünf Jahren anschauen können um uns zu erinnern, wie wir auf einem Platz mit hunderten anderen standen und durch unseren Sucher auf ein Feuerwerk geschaut haben.

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2 Kommentare zu “Das Leben durch den Sucher

  1. Ganz zum Anfang, als die Digitalkameras gerade aufkamen und man so halbwegs brauchbare Bilder auch bei Konzerten machen konnte (dachte ich jedenfalls), war ich auf einem Konzert einer Band, die ich wirklich mochte. Ich wollte alles festhalten und mitnehmen. Ich habe mich die ganze Zeit mit der Kamera beschäftigt. Geguckt, ob die sie auch fotografiert und ob sie die wichtigen Lieder auch als Video mitschnitt. Dann war das Konzert vorbei und meine Freundinnen erzählten von kleinen Begebenheiten auf der Bühne, die ich vollkommen verpasst habe. Ich habe von dem Konzert im Prinzip nichts mitbekommen. Die Bilder waren alle mehr als dürftig. Es war kaum etwas zu erkennen. Die Videos waren noch schlimmer – man hörte nur das Publikum.
    Mir war dieser Abend eine Lehre. Ich weigere mich inzwischen sogar mein Telefon zu Konzerten mitzunehmen. Ich will gar nicht die Möglichkeit haben ein Foto zu schießen. Ich möchte den Moment genießen, die Stimmung aufnehmen und einfach nur den Augenblick mitnehmen. Ich habe noch nicht einmal bereut, dass ich hinterher keine Fotos hatte.

  2. Leute mit ihren Handys auf Konzerten tun mir auch Leid.

    Aber irgendwann werden wir ja alle älter 🙂 Und wir werden uns fragen, was wir alles erlebt haben, und wir werden versuchen, die tief vergrabenen Erinnerungen wieder ins Licht zu ziehen. Fotos sind ein perfektes Mittel dafür. Anhaltspunkte. Wie oft habe ich erlebt, das ein perfektes Motiv vor meiner Nase passierte, und die Kamera lag zu Hause. Genau das Motiv, was ich behalten, über Jahre behalten möchte.

    Aber die Touris mit ihrem Knipsen nerven, das stimmt 🙂

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