Gedanken zum Ende

Manchmal wünscht man sich, dass alles aufhört: Der Stress, der Schmerz, die Wut, die Angst… In der Regel nehme ich mir dann Schokolade, heule ne Runde, gehe laufen und suche mir jemanden zum Reden. Danach geht es wieder. Dennoch gibt es Menschen, bei denen das nicht so zu laufen scheint. Ihre Lösung: Sie bringen sich um. Ich habe mich schon oft gefragt, wie verzweifelt man sein muss, wenn der Tod der einzige sichtbare Ausweg zu sein scheint. Wie verloren muss man sich fühlen, um seinem Leben ein Ende zu setzen?

Es ist immer leicht zu sagen, man müsse jeden Tag in vollen Zügen genießen. Wer kann das schon? Ich nicht, aber dennoch mag ich mein Leben – ich mag es zu leben, zu atmen, zu fühlen, zu schmecken. Egal wie düster es manchmal ist, ich weiß, da sind immer Leute auf die ich mich verlassen kann. Ohren die mir zuhören. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich so schlecht in Menschen versetzen kann, die sterben wollen. Es macht mich traurig, dass der Tod ihr einziger Ausweg ist, dass sie vielleicht niemanden haben, mit dem sie reden können. Ich finde es traurig, dass ihre Schmerzen so groß sind, ihre Verzweiflung so tief, dass sie sich endgültig zur Flucht entscheiden. Dennoch habe ich in den letzten Jahren genug über Menschen gelernt um zu wissen, dass es ihr gutes Recht ist, diesen Schritt zu gehen, es ist und bleibt ihr Leben. Ich muss eine solche Entscheidung nicht gutheißen oder sich bejahen, aber ich muss sie respektieren.

Was ich allerdings nicht gutheiße oder in irgendeiner Form respektabel finde, ist wenn sie andere Menschen da mit reinziehen. Es ist etwas mehr als ein Jahr her, da hat sich jemand keine hundert Meter vor mir vor einen Zug geschmissen. Das hat damals sehr an mir genagt und das tut es immer noch. Es ist mir in den ersten Tagen sehr schwer gefallen, das ganze aus dem Kopf zu bekommen und das obwohl ich auf die Entfernung auf Grund meiner Augen nicht wirklich etwas erkennen konnte (wofür ich übrigens sehr dankbar bin). Dennoch hat er sich letztendlich nicht selber umgebracht, er hat sich vom Zugführer umbringen lassen. Ich kann kaum in Worte fassen, wie wütend mich so etwas macht.

Für den, der sich umbringen will ist das sicher ein leichter Weg, denn er kann sich in letzter Sekunde nicht mehr um entscheiden, aber er zieht jemanden mit herein, der damit den ganzen Rest seines Lebens klarkommen muss. Den Leuten, die von hohen Gebäuden hüpfen ist egal, dass man sie dabei sieht oder sie im schlimmsten Fall sogar jemanden mit sich in den Tod reißt. Das ist egoistisch und unfair. Ich frage mich manchmal, ob sich die Menschen darüber Gedanken machen, bevor sie springen. In solchen Momenten schwanke ich zwischen Mitleid und Wut und das fühlt sich nicht besonders gut an.

Warum ich da jetzt drauf komme? Als ich vor einigen Tagen am Bahnhof war, ging wieder einmal nichts. Irgendwann kam die Durchsage, es befänden sich Personen im Gleis, woraufhin sich eine ältere Frau bei einem Bahnmitarbeiter darüber beschwerte. Es würde ja heutzutage so viele Menschen in den Gleisen rumschwirren. Dies fände sie unerhört. Daraufhin erklärte der Mitarbeiter ihr ganz sachlich, dass dies notwendig sei, oder wie sollte man sonst die Einzelteile der armen Irren unterm Zug wegholen, die nicht mehr leben wollten. Wenig später erfährst du dann, dass der arme Irre aus deinem Dorf kommt und grade einmal 19 Jahre alt war.

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3 Kommentare zu “Gedanken zum Ende

  1. Ich frage mich, ob der Schmerz, den jemanden antreibt, der sich töten lässt, nicht so groß ist, das eine rationale Entscheidungsabwägung nicht stattfinden kann. Und ob das Unrecht, das er meint erlitten zu haben, so drückend groß ist, dass er sich das Recht rausnimmt, für diesen finalen Schritt auch jemand anderen Unrecht zuzufügen.
    Das bedeutet natürlich nicht, dass Deine Wut und Dein Unverständnis falsch ist, aber ich glaube nicht, dass der Entschluss zur Selbsttötung (unabhängig vom Mittel) ein logische, eine rational begründbare Entscheidung ist – dementsprechend werden die Folgen auch nicht abgewogen.

  2. Ich möchte Euch beiden zustimmen. Selbstmord ist das Ende eines ausweglosen Weges. Dort steht man alleine und trifft eine Entscheidung. Ich glaube in vielen Fällen möchte man sie nicht treffen. Das sind die Momente, in denen Selbstmörder oft gerettet werden können, weil sie dann noch einmal auf sich aufmerksam machen. Ob durch einen letzten Anruf, einen Tweet, ein Posting bei Facebook. Oder weil sie sich öffentlich irgendwo hinbegeben, wo sie jemand sieht und dann vielleicht doch noch davon abhält.

    Denn im Grunde möchten viele Selbstmörder nicht sterben. Sie haben nur jeden Lebenssinn verloren und sind so einsam, dass niemand dies sieht. (Von den überlegten Aussnahmen abgesehen, wenn jemand bewußt seinem Leben ein Ende macht, weil er die Konsequenzen oder das Leid einer schweren Krankheit nicht erleben möchte.

    Dann setzten diese einsamen traurigen Menschen ihrem Leben ein Ende. Und immer dann wenn sie es möglichst öffentliche wirksam tun, dann ist auch immer noch einmal ein letztes „SEHT HER! NUN STERBE ICH. EINSAM.“ Vielleicht sind die Gedanken so: Ihr habt mich vereinsamen lassen, Ihr habt die Brücken abgerissen zu mir. Ihr konntet mir nicht helfen. Seht her. So sterbe ich nun. Gescheitert in dieser Gesellschaft.

    Ob diese Prozesse unbewusst oder bewusst so stattfinden – es könnte so sein. Die armen Menschen, die sie dann versehentlich überfahren, von der Straße oder den Gleisen aufkratzen – sie sind alle traumatisiert.

    So sind dann beide Opfer einer Gesellschaft, in der eine Politik des Hinsehens, aber nicht des Hinhandelns gilt.

    [Disclaimer: Ich war 1987 selbst in einer solchen Situation. Meine Frau und mein guter Arzt haben mich gerettet.]

  3. Die wirklich ‚chancenreichen‘ Methoden, seinem Leben ein Ende zu setzen, sind leider sehr begrenzt. Nur deshalb wählen des Lebens müde Menschen einen solchen Weg.
    Was schockt an einem solch vollzogenen Suizid denn wirklich?
    Die Tatsache, daß ein Mensch derart verzweifelt sein kann, daß er sich ‚rücksichtslos‘ vor einen Zug schmeißt?
    Die plötzliche Begegnung mit dem Tod?
    Oder nervt diese ’natürlich unschöne Unterbrechung‘ des gewohnten Alltagstrottes einfach nur, weil man schließlich pünktlich irgendwo ankommen will/muß?

    In meinem Freundeskreis gab es sowohl einige Suizide, als auch Menschen, die direkt davon ge-/betroffen waren : Lokführer, Ärzte, Passanten, Mitbewohner und natürlich Angehörige…auch habe ich selbst als Jugendliche die Selbsttötung eines Polizisten miterleben müssen.

    Es ist schockierend, ja, gar keine Frage.
    Nur, warum ein solches Ereignis die Menschen irritiert hinterläßt, muß ein jeder für sich klären.

    Zum Schluß:
    Warum ertragen wir die täglichen Schauerbilder aus Kriegsgebieten, aber den Tod vor der eigenen Haustüre nicht?

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