Begegnungen die dich bewegen

Es gibt Begegnungen, die brennen sich dir nachhaltig unter die Haut. Ich war grade eben einkaufen und wollte nach Hause gehen als mich eine Frau angesprochen hat – sehr offensichtlich obdachlos. Was mir als Erstes aufgefallen ist, war das Buch, das sie in der Hand hatte. Danach dass sie weder auf Drogen noch auf Alkohol war. Sie sah müde und abgekämpft aus, aber der Blick war klar. Ich würde inzwischen behaupten, einen Blick dafür zu haben ob die Leute die mich so anquatschen auf Zeug sind. Warum ich das grade mehrfach betone werde ich später noch erklären. Bleiben wir also erst einmal bei der Frau. Ihr erinnert euch bestimmt an den Brief an Rüdiger – mir ist ein respektvoller Umgang wichtig. Deswegen war der nächste positive Pluspunkt die Tatsache, dass die Frau mich siezte.
 
Als ich stehen blieb begann sie sofort zu erzählen, hastig aus Angst ich könnte doch weiter gehen. Dann, als sie merkte dass ich nicht weggehen würde, wurde sie ruhiger und ich bekam das zu hören, was mir vor ein paar Monaten schon ein Obdachloser gesagt hat: „Danke dass Sie nicht weiter gehen. Es ist schön gesehen zu werden!“. Das sitzt und macht mich traurig, denn ich kann verstehen dass es furchtbar sein muss, wenn Menschen an einem vorbei eilen, ohne einen nur eines Blickes zu würdigen. Dann begann sie mir ihre Geschichte zu erzählen. Sie würde keinen Alkohol trinken und auch keine Drogen mehr nehmen, denn sie sei seit sieben Monaten clean und auch sehr stolz darauf. Ganz ehrlich? Darauf kann sie verdammt stolz sein, vor allem da sie das erste mal mit 11 auf einem Trip war, was sie mir später verriet. Hartz 4 bekommt sie nicht, weil sie in einem Entzugsprogramm ist. Dazu hat sie mir noch mehr erzählt, aber da ich das ganze System noch immer nicht recht verstanden habe, kann ich dazu nicht mehr sagen. Auf jeden Fall gibt es in Wuppertal ein Schlafhaus für Frauen, doch das ist seit Wochen voll. Das bestürzt mich, denn die Häuser sind nicht grade klein, was heißt dass da draußen grade sehr viele Frauen unterwegs sind.
 
Jetzt sammelt sie Geld und versucht jeden Tag 15 Euro für die Übernachtung in einer Jugendherberge und ein wenig Essen zu sammeln. Das gelingt ihr selten – die letzten Nächte hat sie auf der Straße geschlafen. Wir haben lange dort gestanden und geredet – auch nachdem ich ihr etwas Kleingeld gegeben habe, denn man hat gemerkt wie gut es ihr tut zu reden. Auf der Straße schläft sie nicht gerne, und vor allem nicht tief, denn für Frauen ist es nicht ungefährlich. Bisher sei sie nur einmal vergewaltigt worden, aber was will man denn da machen, die Polizei glaubt einem ja nicht und schickt einen weg. Ich weiß nicht was mich mehr entsetzt hat. Der Inhalt ihrer Worte oder die Abgeklärtheit, mit der sie es erzählt hat – ähnlich wie es andere von ihrem letzten Lebensmitteleinkauf tun. Jetzt sei sie so müde, weil sie sich in der letzten Nacht nicht getraut hat zu schlafen und versucht durch Lesen wach zu bleiben, doch das will ihr nur schlecht gelingen. Aber sie sucht ja Arbeit, bewirbt sich viel und sucht nach einer Wohnung. Aber ihre Chancen sieht sie als eher klein an, denn wer stellt schon gerne eine ehemalige Drogenabhängige ein? Das würde sie nämlich jedes mal erzählen, denn man sollte nicht lügen und ein Chef muss ja auch wissen worauf er sich einlässt. Was sie arbeitet ist ihr momentan auch egal, Hauptsache sie muss nicht auf der Straße leben und kann sich ihre Trombosemedikamente wieder leisten – eine Nebenwirkung der Drogen.
 
Im Moment putzt sie einmal in der Woche bei einer alten Dame die Wohnung – die hatte sie nach ein bisschen Kleingeld angebettelt. Dass die „Liebe Dame“ wie sie sie nennt ihr etwas zu tun gegeben hat wird sie ihr nie vergessen. Gestern durfte sie bei anderen Leuten ein wenig Unkraut zupfen und auch das war eine tolle Beschäftigung.
 
Die Frau war höflich, respektvoll und trotzt all des Elends so voller Hoffnung und das hat mir imponiert. Sie gibt nicht auf, sie kämpft, auch wenn ihre Chancen gering sind. Gleichzeitig macht es mich traurig, dass es Menschen gibt, die unter solchen Umständen leben – selbstverschuldet, durch unglückliche Verkettungen oder weil sie nie eine Chance bekommen haben. Wenn ein junges Mädchen mit 11 auf einem Trip ist, dann will ich nicht wissen was in ihrem Umfeld und ihrer Familie schief gelaufen ist. Was ich mit dieser Geschichte nicht will, ist euch dazu zu bringen jedem Obdachlosen Geld zu geben – ganz ehrlich, ich wär finanziell gar nicht in der Lage – aber behandelt sie wie Menschen wenn sie euch ansprechen. Schaut sie wenigstens an. Und wenn ihr nicht mit ihnen reden wollt, dann reicht ein Nein. Mir sind alkoholisierte Menschen unheimlich und ich habe habe damit ganz sicher Probleme, aber wir kennen weder ihre Geschichte noch ihr Elend, da ist Beachtung doch eigentlich nicht zu viel verlangt.
 
Warum ich am Anfang so darauf gepocht habe, einen Blick dafür zu haben, ob mich jemand in Punkto Alkohol und oder Drogen anlügt ist ein ganz einfacher: ich bin es leid zu höre dass die Leute mir ja alles erzählen könnten und ich sehr leichtgläubig sei. Das mag sein, aber wenn man sich mal ein bisschen mehr mit Obdachlosen auseinander setzt, dann bekommt man dafür ein Gespür. Natürlich kann ich mir nie zu 100% sicher sein – aber das Risiko gehe ich gerne ein. Und wenn die Frau sich jetzt im nächsten Aldi ne Flasche Fusel kauft, dann hat sie die Entscheidung getroffen – genau wie ich, wenn ich an das Gute im Menschen glauben mag.
 
p.s. Rechtschreibfehler dienen der allgemeinen Unterhaltung. Fehlende n´s sind nicht beabsichtigt, aber die Taste klemmt.

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4 Kommentare zu “Begegnungen die dich bewegen

  1. ich bin berührt und du weißt wieso. Ich bin stolz auf dich und du hast Recht. Lass dein Herz offen und lass dich berühren….. gerade das macht dich aus. Es gibt so viel Scheiß in der Welt und so viele gucken weg. Entscheide du, wann, wo und wie du helfen magst. Großartig…..

  2. Das ist so super geschrieben, das berührt mein Herz.
    Ich hatte mal eine etwas andere Begegnung mit einen obdachlosen jungen Mann.
    Er hat mich nach Kleingeld gefragt und mir gesagt welch einen hunger er hat. Ich habe ihn alles gegeben was ich bei mir hatte, waren etwas über 12 Euro. ich habe gesehen das er voll drauf war und trotzdem tat er mir voll leid. Ich habe ihn nicht geglaubt das er tatsächlich vor hat sich etwas zu Essen zu kaufen sondern eher Stoff für den nächsten Schuss. Dennoch dachte ich, er tut mir so leid und bevor er durch seinen Entzugsschmerz etwas schlimmes tut z.B. ne Oma überfallen habe ich ihn mein letztes Geld gegeben und ich habe es nicht bereut auch wenn ich in den Moment das Gefühl hatte das er mich anlügt. Er war ausser sich so „viel“ Geld von einer einzigen Person zu bekommen. Ich ging ein paar Schritte und sah das er in den nächsten Imbiss gegangen ist…..

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