Ein Aufschrei, der aus dem Ruder gelaufen ist

Ich habe lange überlegt, ob ich etwas zu der #Aufschrei Debatte schreiben soll. Ursprünglich wollte ich es nicht tun, denn schon nach wenigen Minuten war klar, egal was ich schreibe, ein Lager wird mich auf jeden Fall zerfleischen. Das dramatische dabei: es sind alles Frauen die dort jetzt in einen Kleinkrieg gegeneinander ziehen, anstatt zusammen gegen Machtmissbrauch vorzugehen – denn darum ging es doch am Anfang, oder nicht?

 

Jetzt habe ich allerdings das Gefühl, fast zu platzen, also schreibe ich, in dem Wissen, dass ich mich ganz schnell unbeliebt machen kann. Auslöser dafür waren zwei Situationen in denen mir Männer, die ich recht gut kenne, mitgeteilt haben, dass sie mir jetzt nicht sagen würden, ich sähe toll in dem Kleid aus, weil sie keinen Aufschrei riskieren wollen. Ich gebe zu, das entsetzt mich noch immer. Aber satteln wir das Pferd nicht von hinten auf.

 

Beginnen wir mit einer jungen Frau, die ein Problem damit hat, das ein (zugegeben sehr unattraktiver) Mann ihr mitteilt, dass sie ne tolle Oberweite hat. Passiert mir auch ab und an mal. Ich bedanke mich charmant und wenn ich mich nicht unterhalten will, dann gehe ich. Ich kann jedoch verstehen, das Frauen mit wenig Selbstbewusstsein sich in so einer Situation unwohl fühlen. Was da noch hinter steckt weiß ich nicht. Ehrlich gesagt fand ich die Geschichte wenig spannend und als dann der Shitstorm ausgebrochen war, war es schwer herauszufinden, was Ursprungsgeschichte war und was nicht.

 

Alles was bei mir ankam war, dass eine große Gruppe von Frauen darauf aufmerksam machte, dass Männer ihre Machtstellung ihnen gegenüber missbraucht haben. Ehrlich? Das finde ich großartig und wichtig. Ich denke, das ist jeder von uns schon passiert, in einem mehr oder minder großem Ausmaß. Dazu gehört natürlich auch, als ein Sexobjekt angesehen zu werden. Ich werde nicht gerne nur auf meine Äußerlichkeiten reduziert – allerdings ist es das Erste, was meinem Gegenüber ins Auge springt.

 

Wenn man nun kein großes Selbstbewusstsein hat, dann mag es nicht gut ankommen, wenn man für sein Dekolleté gelobt wird, erwähnt wird dass das Kleid das man trägt super aussieht oder man auch in diesem oder jenem Fummel ne Wucht wär. Passiert mir das, wäge ich ab, wie sympathisch mir mein Gegenüber ist, bedanke mich artig oder steige darauf ein. Ich mag meinen Körper, ich weiß worin ich gut aussehe und worin nicht. Und wenn wir jetzt mal ganz ehrlich sind, liebe Damen, wenn uns ein Mann gegenüber steht, dann schauen wir ihm auch auf seinen Hintern, nehmen Dinge wie sinnliche Lippen, ein dominantes Kinn, ne tolle Figur oder… oder… oder wahr und viele haben auch kein Problem damit das zu artikulieren. Liebe Herren, wo bleibt euer Aufschrei?

 

Etwas gänzlich anderes ist es, wenn mich jemand anfasst, ohne dass ich es will. Dann wehre ich mich und auch dann ist ein Aufschrei auch mehr als nur an der Tagesordnung. Aber warum fällt es so vielen Frauen noch immer so schwer zu sehen und sagen, he, ja verdammt, ich hab Brüste, ich habe nen tollen Körper, ich habe Kurven, ich habe ne super Figur, ich bin attraktiv und anschauenswert und es ist völlig ok wenn es ein Mann bemerkt und mir auch sagt – egal ob er in mein „Beuteschema“ passt oder nicht. Warum müsse wir es gleich als Machtkampf auslegen uns letztendlich selber zum Sexobjekt degradieren und uns in eine Ecke drängen, in der uns viele Männer von sich aus nie sehen würden.

 

Liebe Frauen, schreit da, wo es nötig ist. Kämpft mit allen Frauen, die tatsächlich sexuell belästigt wurden, kämpft darum, endlich die Anerkennung im Job zu bekommen, die euch zusteht – bei gleichem Gehalt wie Männer. Schreit um dieses Machtspiel zu beenden – warum müsse wir immer gegen Männer und gegeneinander kämpfen? Wir Frauen sind klasse, wir sind stark und wir haben tolle Körper. Seid doch ein wenig stolz auf euch und helft denen, die es wirklich nötig haben.

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7 Kommentare zu “Ein Aufschrei, der aus dem Ruder gelaufen ist

  1. Meine Antwort an @CathyKlappert zum #Aufschrei
    Damit CathyKlappert nicht allein gesteinigt wird, gebe ich ich mich mit in die Arena. Hier:
    Wenn ich als farbiger Mann in Berlin
    – von der Arche von einer Führung durch das „Jüdische Viertel“ abgewiesen werde
    – nicht in bestimmte Hotels, Kinos, Restaurants, Clubs eingelassen würde
    – in manchen Geschäften nicht bedient wurde
    – von dafür Preisgekrönten Frauen-Comedians als Hirnlos und Schwanzgesteuert diffamiert werde

    dann ist das für mich tagtäglicher Sexismus pur, sehr nah an Südafrikas Apartheid und 30er-Jahre-Deutschland, staatlich und gesellschaftlich gestützt.

  2. Thema verfehlt: Es geht nicht um mangelndes Selbstbewusstsein, sondern den, wohl nicht enden wollenden Drang von Männern, Frauen immer nach ihrem Äußeren bewerten zu müssen. Als wäre das non-plus-ultra für mich, als Frau von irgendeinem Fremden zu hören, dass ich aber schöne Brüste habe. Vielen Dank, nimm deine zwei Eier und geh! Selbst bei Frauen in der Öffentlichkeit wird doch als allererstes mal die Frisur, das Kleid oder das Alter diskutiert bevor wir zu politischen, wirtschaftlichen oder sonstigen Leistungen kommen. Vielen Dank, mich intressiert nun wirklich als allerletztes ob Angela Merkel ein Kleid mit tiefen Ausschnitt anhat oder nicht (nie wieder wird sie so etwas tragen), aber es scheint Sensation genug zu sein, damit ganz Deutschland sich darüber wochenlang amüsiert. Dass man sich so als Frau nie ernst genommen fühlt, ist ja wohl kein Wunder, wenn du an der „Spitze“ des Staates stehst und alles was Männer machen, ist immer noch dich in den Dreck ziehen, zu objektivieren und dabei noch jede Menge Zuspruch zu ernten. Ach, dann die „wing-men“, die sich großzügiger Weise bereit erklären die „hässliche“ Freundin zu nehmen, wenn der Freund eine „heiße Perle“ am Start hat (allgemein „How i met your mother“-Frauenbild), ist ein total weitverbreitetes, akzeptiertes Phänomen. Über Männer sieht man so etwas bedeutend seltener, fast nie: Weil Männer wichtig sind, die beurteilt man nicht nach ihrem Aussehen und die demütigt man nicht. Denn alle Männer sind es wert geliebt und vernascht zu werden, während es bei „hässlichen“ Frauen ja gar keinen Anlass mehr gibt sich überhaupt noch mit denen zu beschäftigen, ihr Wert ist weg. Männern zollt man sogar noch Respekt, dass sie trotzdem so ein hübsches Mädchen geangelt haben.
    HORROR wenn du mich fragst. Das Allerschlimmste finde ich allerdings ist der Fakt, dass selbst mir auffällt, dass ich mich immernoch dabei erwische mich zu freuen, wenn mir ein Fremder in der Bar erzählt wie toll ich aussehe. Ist ja schließlich das Höchste was eine Frau erreichen kann. Wenn ein Mann kommt und mir sagt er findet mich intressant, dann bin ich misstrauisch, weil ich einfach Männern nicht glaube, dass sie mich wirklich intressant finden können und mich kennenlernen wollen, wenn sie mich einfach ansprechen (nicht, dass es nicht vielleicht sogar der Wahrheit entspricht), aber wie kann eine Frau das glauben bei der Realität in der wir leben?!
    Es ist wunderbar, dass weder du noch deine männlichen Bekannten anscheinend nicht verstanden haben worum es geht beim Aufdecken von sexistischen Alltagssituationen und meinen sie könnten sich jetzt nicht mehr normal verhalten dir gegenüber, das zeigt ja wohl nur, dass dieser Scheiß genau auf sie zutrifft (Ach, habt euch nicht so Frauen, ist doch alles nur Spaß). Meine Freunde sagen mit weiterhin, wenn sie finden, dass ich toll aussehe und sogar auch wenn sie finden, dass ich heiß aussehe. Das ist Freundschaft: ein anderes Spektrum; sie wissen wer ich bin, sie kennen mich und ich weiß, dass sie mich schätzen. Für sie ist nicht die Tatsache, dass ich eine Frau bin und mein Körper das Einzige, was mich auszeichnet. Ich denke sie würden mich auch dann immernoch schätzen wenn ich einen Damenbart hätte und 15 Kilo zunehmen würde. Sie behandeln mich mit Respekt und denken nicht, dass sie einen Kommentar zu meinem Aussehen abgeben müssen, handgreiflich werden dürfen und anzüglich werden können weil ich eine Frau bin. Wenn mich ein Fremder in einer Bar ohne sich vorzustellen anmacht und meint mein Aussehen kommentieren zu müssen, teile ich ihm dann aber schon lautstark mit, dass mich das wirkliche einen feuchten Furz kümmert ob er findet, dass mein Arsch toll ist, aber meine Titten zu klein und ob er lange Haare mehr mag als Kurze. Was soll auf die Grundlage denn schon für ein Gespräch folgen?! „Bin ich denn auch hübscher als die da?!“ „Ja, guck doch mal; viel zu viel fett und die ist sooo unnatürlich. Ich mag viel lieber den natürlich look, ja?!“ So einen Abhängigkeits-Blödsinn muss ich mir wirklich nicht geben. Komisch ist, dass meiner Erfahrung nach niemand in der Bar über die Frechheit des Mannes spricht mich in einem Gespräch mit einer Freundin zu stören um mir mitzuteilen, dass er meinen Arsch toll findet, aber jeder sich das Maul darüber zerreißt wie sehr ich doch überreagiert habe (auch die Frauen!). Es ist ja schon fast verpönt mehr auf sich zu halten als Frau.
    Wenn du mich fragst, ist das Problem des Selbstbewusstsein wohl eines solcher Frauen, die meinen diese Komplimente würden uns als Frauen und den Stolz auf unseren Körper, auszeichnen.
    „Frauen sind klasse, wir sind stark und wir haben tolle Körper. Seid doch ein wenig stolz auf euch und helft denen, die es wirklich nötig haben.“

    • Bullshit.

      Das äußere Erscheinungsbild ist nun mal das erste, was man sieht. hat wohl physikalische gründe (Licht breitet sich recht gut in unserer Umgebung aus, Gedanken/Meinungen/Charakter eher schlecht). Und nur weil ich einer Frau hinterherschaue und ihr vielleicht sogar Komplimente mache, so heißt das nicht, dass ich (und es geht den meisten anderen Männern auch so) kein Interesse an ihrem menschlichen Wesen habe und sie nicht auch persönlich besser kennenlernen will. Im Gegenteil: das Interesse an der Frau verfliegt, sobald sie keinen geraden Satz herausbringt oder sich über kaum mehr unterhalten kann als das Wetter oder den Song, der gerade gespielt wird.
      Also erzähle mir nichts von Respekt. Offenbar respektierst du Männer, die dich ansprechen so wenig, dass du ihnen nicht zutraust, aus mehr als einem Schwanz zu bestehen.

      Wer in die Öffentlichkeit geht, muss damit rechnen gesehen zu werden. Du kannst wohl kaum erwarten, dass Menschen dich nicht wahrnehmen, wenn du irgendwo auftauchst. Und dass Menschen andere Menschen beurteilen, auch nach Äußerlichkeiten, ist völlig normal. Warum ist es denn OK Menschen (Männer) mit schwachem Charakter oder mangelnder Intelligenz zu beurteilen? Auch du, wie wir alle, tust das. Wir beurteilen Menschen, denn wir wollen nicht mit allen interagieren.
      Du kannst wohl kaum Männern verbieten über andere Frauen, auch dich, zu reden, sie zu beurteilen oder sie anzusprechend. Jedem steht es nämlich frei es zu ignorieren, Grenzen zu setzen und mit ebendiesen Menschen nichts zu tun haben zu wollen. Sofern das Ganze nicht in öffentlicher Beleidigung und Bloßstellung endet (und das gilt für BEIDE Seiten), sehe ich überhaupt kein Problem.

      Belästigung ist ein weiter Begriff.
      Mag ja sein, dass sich manche Frauen belästigt fühlen, wenn sie angesprochen wird. Ich fühle mich von Leuten belästigt, die in der Bahn laut Musik hören. Aber ebenso wie eine Frau den Näherungsversuch abblocken kann (womit sich die Sache erledigt hätte), kann ich dem Typen in der Bahn sagen, er soll die Musik leise drehen. Ich bin nicht alleine auf diesem Planeten. Gesellschaft entsteht durch Zusammenleben und Kommunikation. In einer Gesellschaft, in der wir als geschlechtslose Zombies herumlaufen möchte ich nicht leben. Respekt, Rücksicht und Toleranz sind entscheidend.

      Cathy hat recht, diese Aufschrei Debatte ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Denn echte Sexismus-Fälle, wenn also Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden, oder eine Machtpostion ausgenutzt wurde, um eine (z.b. geschäftliche, berufliche) Beziehung in eine sexuelle Richtung zu lenken, sind völlig untergegangen, unter Banalitäten wie: “wenn Männer mir in den Ausschnitt schauen”.
      Ebenso hat man Sexismus gleichgesetzt mit sexuellen übergriffen und Gewalt, ein völlig anderes Thema! Nachstellung und Vergewaltigung sind schwere Straftaten und haben nichts mit Alltagssexismus zu tun.
      Das Problem an dieser Debatte war, dass sie völlig undifferenziert geführt wurde.

    • Bullshit².

      Tüdelüüs Problem liest sich in Folgender Passage:

      “ Das Allerschlimmste finde ich allerdings ist der Fakt, dass selbst mir auffällt, dass ich mich immernoch dabei erwische mich zu freuen, wenn mir ein Fremder in der Bar erzählt wie toll ich aussehe. […] Wenn ein Mann kommt und mir sagt er findet mich intressant, dann bin ich misstrauisch, weil ich einfach Männern nicht glaube, dass sie mich wirklich intressant finden können und mich kennenlernen wollen, wenn sie mich einfach ansprechen (nicht, dass es nicht vielleicht sogar der Wahrheit entspricht), aber wie kann eine Frau das glauben bei der Realität in der wir leben?! “

      Dieses Problem ist nicht die Männerwelt, sondern ein Charakter der sich selbst im Weg steht. Die Eigenschaft, bei etwas harmlosen wie einem Kompliment so detailliert mit Hintergedanken zu belegen, dass daraus ein Vortrag werden kann. Somit stimmt die Aussage der Bloggerin.

      Ganz neben diesem Beispiel der Selbstverleumdung, möchte ich darauf Hinweisen, dass Frauen ziemlich ähnlich Männer beurteilen wie umgekehrt.
      Was mich am meisten an der Debatte stört sind diese Scheuklappen und Doppelstandards. Freuen sie sich über Komplimente, diese werden naturgemäß mit der Zeit nachlassen, wobei an ihrer Attraktivität sicher nichts verloren geht, und hassen sie sich nicht wenn sie sich Freuen, dass sie jemanden Gefallen haben. Oder ziehen sie es ganz durch, kaufen sich einen Bußgürtel und konditionieren sie dieses Gefühl mit regelmäßiger Geißelung, damit Sie Ihre natürliche Reaktion besser unterdrücken können. Ja, Sie habe ich mit indoktrinierten Menschen wie Mönchen verglichen. Was Sie sagen, ist für Außenstehende wirklich schräg, vor allem wegen der Doppelstandards. Was berufliches angeht ist sicher Reformbedarf vorhanden. Um aber auf Berufliches einzugehen: hat es lange gedauert, bis ich teilweise verstehen konnte, warum eine Frau schlechter bezahlt wird. Nicht in jeder Branche, aber beispielsweise habe ich unter meinen Bekannten einen Chefarzt in einem großen Krankenhaus. Es gibt seit längerem den Trend, mehr Frauen als Männer das Medizinstudium absolvieren. Dieser Chefarzt, hat wenige Männer dafür überwiegend Frauen. Daraus ergaben sich zwei sehr bedeutende Probleme. Mit keiner Kollegin und die Kolleginnen untereinander konnten sich nicht auf die Prozentzahl der Arbeitsstunden festlegen, als diese Kinder bekamen. Jede hat auf ihre Krummen (79%, 65%, 83%) Arbeitszeiten bestanden, so konnte man noch nicht mal Halbe Stellen schaffen und er füllt diese Defizite aus.
      Was ich aber erstaunlicher fand, in einem waren sich die Kolleginnen einig, und das sagten sie ihm auch wörtlich: er bloß soll keine weiteren Frauen mehr einstellen. Es gefährde die Arbeitsatmosphäre.

  3. Pingback: Sexismus und der #Aufschrei-Hashtag: Twitter wird auch im Deutschsprachigen Raum langsam Mainstream | Upgrade zum Geschäftsmann 2.0

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