Ein Besuch auf der Apfelwiese

Seit nun mehr einem halben Jahr habe ich mich auf dieses Wochenende gefreut. Es sollte wieder nach Diepholz gehen. Diep-wer? Wird sich nun so manch einer fragen. Diepholz liegt etwa auf halber Strecke zwischen Oldenburg und Bremen. Es handelt sich um ein verschlafenes Dörfchen, umgeben von Feldern und Wäldern. Malerisch, trifft es recht gut. Doch einmal im Jahr fallen Liebhaber guter, meist noch recht unbekannter Indie-Musik dort ein und machen sich für zwei Tage breit. Diepholz ist nun seit mehr als 10 Jahren Heimat des Appletree Garden Festivals. Dieses Jahr war mein zweites dort.

Das letzte Jahr hat mich völlig überzeugt. Rund 2000 Menschen, zwei liebevoll arrangierte Bühnen, viele Bäume, Seifenblasen, Glitzer und gute Musik. Die Leute dort waren leicht verschroben, aber alle zusammen doch toll. Die Musik war gut und die Stimmung, trotz des durchwachsenen Wetters, großartig. Das haben wir uns für dieses Jahr auch gewünscht.

Wie schon im letzten Jahr sind wir erst Freitag Mittag angereist, also am ersten Konzerttag. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr war es gerammelt voll, noch einen Zeltplatz zu finden unmöglich. Wie sollte das gehen? Die Lösung war schnell gefunden. Bei scheinbar gleicher Campingfläche waren es in diesem Jahr 1000 Gäste mehr. Suboptimal, wie ich finde. Da wir jedoch eh beschlossen hatten in den Autos zu schlafen, war das unser geringstes Problem. Der nächste Schock waren die vielen Minderjährigen die im letzten Jahr noch nicht entdeckt hatten, wie cool so ein kleines, unbekanntes Festival sein kann. Das war dann doch etwas frustrierender. Langsam keimte in mir die Frage auf, ob ich einfach nur zu alt werde. Eine Antwort habe ich zu dem Zeitpunkt nicht gefunden.

Erschreckend war ebenfalls die Kleiderwahl. Ich bin einiges gewöhnt, grade auf Festivals. Ich habe Wacken modisch überlebt, da können mich so ein paar eher individuell gestaltete Menschen doch nicht umhauen. Oder? Leider doch. Ob man auf Festivals im Bikini rumlaufen muss ist eine streitbare Frage. Allerdings finde ich es schade, dass Individuell dieses Jahr scheinbar aus war. Die Massen an Menschen die aussehen wollen wie Hipster war groß. Dabei spreche ich vielen der vorwiegend weiblichen Festivalbesuchern ab, zu wissen warum sich ein „Hipster“ so kleidet wie er es tut und welche Aussage dahinter steckt. Es waren fast ausschließlich Mädels die sich so kleiden, weil sie denken es ist grade modisch hip. Dazu kommt die immense Verwendung von Worten wie Ey (was scheinbar vor jeden Satz gestellt alles cool macht) und Alter (grade in Kombination mit Ey sehr Aussagekräftig). Ich glaube das war der Moment in dem ich mich doch alt gefühlt habe.

Die Musik war auch in diesem Jahr wirklich gut, vielleicht sogar besser als im letzten. Ich kannte nicht alle Bands, aber das machte nichts. Mein High-Light, auf das ich mich schon seit Bekanntgabe gefreut hatte, war Dillon. Die Frau ist der Wahnsinn. Sie hat mich mit ihrer Art und Stimme völlig umgehauen. Das konnten auch die zwei Pärchen vor mir nicht trüben (Marke: noch keine 18 und Fummeln ist wichtiger als das Konzert und Marke: Geil wir stehen in der Frontrow, finden die Band aber kacke). Auch der während des Konzert eintretende Regen war irgendwie passend. Ich habe diese Stunde zelebriert und ich wage zu behaupten: Das Festival hat sich alleine deswegen gelohnt.

Die Nacht im Auto war dann besser als erwartet – doch die Stimmung am nächsten Morgen war bescheiden, ob des Regens oder der Vielzahl an unangenehmen Menschen um uns vermag ich nicht klar zu sagen. Auf jeden Fall haben wir uns entschlossen unsere „Zelte“ abzubrechen. Vielleicht sind wir doch zu alt für den Mist geworden. Im nächsten Jahr wollen wir nicht mehr hin fahren. Ich freue mich für die Organisatoren und Köpfe der Apfelwiese, dass ihr kuschliges Festival so gewachsen ist und immer mehr Leute aus aller Welt anzieht, aber für mich ist es somit nichts mehr. Mir hat grade das Überschaubare gefallen, diese Hand voll Menschen die sich auf leicht schräge Weise einmal im Jahr treffen und sich treiben lassen, im Garten, wo die Welt noch in Ordnung war. Ich mag zu alt geworden sein, oder aber zu anspruchsvoll, aber mir ist einmal mehr klar geworden bin, dass ich kein Freund der Massen bin.

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